Gedichte in Reimform
Die gereimte Lyrik macht nur dann wirklich Sinn, wenn sich der Inhalt nicht dem Reim unterordnen muss. Nichtsdestotrotz können der Rhythmus und die Eingängigkeit eines gereimten Gedichtes ein wirkungsvolles Klangvolumen erzeugen, das dem Gedicht erst seinen wahren Ausdruck gibt.

Wilde Himmel
Frag nicht, wann es geschah
dass mir die Dinge
Stück um Stück entglitten
denn wie ein Fels stand unser Turm
doch spürt’ ich anfangs nur ein leichtes Wehen
so ahnte ich im Meeresgrau den Sturm
Und als er mich ergriffen
fernab in wilde Himmel blies
er mich von deiner Hand gerissen
kopfüber in die Freiheit stieß
da war ich plötzlich wieder Kind
das seine Arme spreizt und fliegt
als Möwe im Gezeitenwind
Frag nicht wann es geschah
doch als die Erde mich in ihre Arme schloss
da dachte ich die Welt wär’ immer noch mit uns
und suchte nach dem einen Zeichen
bis ich Gewahr der Dinge wurd’ und sah
-wir-
wir waren nimmermehr die gleichen
Der Raum & der Gedanke
Du bist mir stets der Raum
und ich bin der Gedanke.
Wo Stille sich dir offenbart,
die Leere ich umranke.
Und auch wenn ich dir innewohn’,
so gibt es doch kein Halten,
denn wo du bist ist Platz für mich,
kann ich mich frei entfalten.
Ich such dich, find dich, forme mich,
werd groß und größer, werde Licht.
Bist du die Nacht möcht’ ich allein
im Dunkeln die Erkenntnis sein.
Brauch uns auch keine Grenzen weiten,
brauch dich nicht ändern, dich nicht leiten.
Niemals verschließt du dich vor mir.
Du lebst im Jetzt, ich leb im Hier.
Bist frei, doch woll’n wir uns umgeben,
uns einig sein in unsrem Streben
das Nichtgesagte zu erleben.
Erfüllung sein ganz ohne Schranke.
So werd’ ich Raum sein -
du Gedanke.
Nur ein Wort
Verdicht ich mich wie ein Gedicht
und werd’ zum Worte jener Sorte
die da stehen wie geschält
wohl gewählt
nicht in Massen denken lassen
auch die Antwort nicht benennen
nur die Frage kennen
sie zu stellen wagen
Mut zur Lücke haben
sich auch nicht beklagen
werden sie erst spät erkannt
falsch benannt
wirke ich dann exponiert
zwangslimitiert
werde
durchphilosophiert
möcht' ich warten
auf die Dinge die da kommen
bleib besonnen
in mir selbst ich reife
hoffend
dass ein Aug' mich streife
mich begreife
zwischen Raum aus Satz und Sinn
stets genüge und begnüge
nur zu sein verdichtet im Gedicht
ein einzig kleines Wort
allein

Der Hüter und der Wolf
So wandere ich seit Jahr und Jahren
und folge still dem Ruf der Ferne,
der mich begleitet alle Tage; auch ich
bin stets Geleit den Tieren gerne --
Im weißen Blütenregen, der sich streut,
wie meine Herden an dem schmalen Bach,
versteckt sich noch der Frühlingsmorgen
im Schatten unterm Kirschbaumdach.
Verspielt im Aufgang grüner Hänge
zwei Lämmer, die mir stets die Liebsten,
gefall’n sich selbst im heiteren Sprung,
indes kürzt sich des Weges Länge. –
Werf’ ich heut’ Abend meine Netze aus
zähl' dann die Fänge einer Sternennacht
bin ich der Hüter, der im Königshause wacht.
Im Übermut des Hier und Jetzt,
mein Blick, er wandert weit hinauf,
nimmt über Blütenzweigen seinen Lauf,
die bald die Last von Früchten tragen werden.
(Findet Ihr den Wolf?)